Interview: Innere Leere – und der Weg zurück in die Lebendigkeit
Ein Gespräch zwischen den Kolleginnen Sylvia Graß und Mea Voß zum Thema "Innere Leere".
Was ist innere Leere eigentlich?
Mea: Für mich bedeutet innere Leere oft ein Zustand des Abgeschnittenseins. Oft beschreiben Menschen , dass sie zwar im Alltag funktionieren, sich innerlich aber nicht mehr wirklich spüren. Es ist weniger ein einzelnes Gefühl, sondern eher ein Zustand von innerer Distanz – zu sich selbst, zum Körper, zu anderen und manchmal sogar zum Leben insgesamt. Im NLP würden wir von einer starken Dissoziation sprechen.
Sylvia: Ja, genau dieses fehlende Verbundensein sehe ich auch. Es fehlt die Resonanz – also das Spiegeln durch andere und durch die Umwelt. Gerade im Homeoffice oder in digital geprägten Arbeitswelten geht dieses natürliche Mitschwingen verloren. Wir erfahren uns natürlicherweise auch über andere Menschen. Wenn dieser Spiegel wegfällt, entsteht leicht ein Gefühl von „Ich bin da, aber irgendwie nicht richtig da“.
Mea: Wenn kein Resonanzraum mehr da ist, kann emotionale Taubheit entstehen. Und viele beschreiben genau dieses Gefühl: leer, abgeschnitten von der Welt und nicht richtig greifbar.
Sylvia: Und dann passiert häufig etwas Dynamisches: Auf diese Leere wird noch mehr Aktivität gesetzt. Mehr Arbeit, mehr Ablenkung, mehr Input. Das System ist überreizt und geht irgendwann in einen Schutzmodus, der eher dämpft als fühlt.
Wie entsteht dieses Gefühl im Alltag?
Mea: Sehr häufig sehe ich eine Mischung aus Dauerstress, Überforderung und emotionaler Vermeidung. Menschen haben gelernt, unangenehme Zustände nicht mehr wirklich zu fühlen oder fühlen zu wollen – sondern zu überdecken. Das kann über Social Media passieren, über Arbeit, Essen, Zocken , also permanenter Ablenkung.
Sylvia: Dazu kommt der digitale Kontext. Aufgrund von ständiger Erreichbarkeit kann es passieren, dass wir nicht wirklich in Beziehung sind – weder zu uns selbst noch zu anderen. Homeoffice verstärkt das zusätzlich. Viele berichten, dass ihnen die kleinen, informellen Kontakte und Gespräche fehlen – dieses natürliche Zwischendurch zum Beispiel beim Kaffeetrinken, in dem ein Beziehungsraum entsteht.
Mea: Auch das Gespür für zwischenmenschliche Nähe und Distanz im Team beeinflusst die Zusammenarbeit. Im digitalen Raum fehlen viele dieser sozialen Hinweise, zum Beispiel gibt es keinen direkten Blickkontakt und man fühlt sich nicht gesehen.
Sylvia: Genau. Und dadurch verlieren Menschen oft auch das Gefühl für einander, sowie auf lange Sicht, die Fähigkeit in Kontakt zu gehen: Wie gehe ich eigentlich in Beziehung? Wie entsteht Nähe? Wie entsteht Resonanz?
Sinnverlust, Überforderung und innere Erschöpfung
Mea: Ein weiterer großer Faktor ist fehlendes Sinnerleben. Viele Menschen fragen sich irgendwann: „Wofür mache ich das eigentlich alles?“ Besonders dann, wenn äußere Strukturen wie zum Beispiel bei Trennungen oder in der Pandemie wegbrechen oder Anstrengung nicht mehr zu spürbarem Erfolg führt.
Sylvia: Ja, das kann sehr existenziell werden – vor allem, wenn Rollen wegfallen, zum Beispiel im Job oder im Übergang in eine neue Lebensphase. Dann stellt sich die Frage: Wer bin ich ohne diese Funktion?
Mea: Ja, und gleichzeitig kann Erfolg selbst auch eine Form von Leere auslösen. Wenn ein großes Ziel erreicht wurde – wie bei Leistungssportlern nach einem Höhepunkt oder nach einer Examensarbeit – fällt plötzlich die gesamte innere Spannung weg, die lange getragen hat.
Sylvia: Und wenn Menschen lange Zeit über ihr Limit gehen, entsteht zusätzlich eine Form von Erschöpfung, bei der nicht nur Energie fehlt, sondern auch als Folge davon, der Zugang zu den Gefühlen. Außerdem kann eine permanente Überforderung zu einem Burnout führen.
Mea: Genau, das ist ein guter Hinweis und wird oft zu spät erkannt.
Rückzug, Kontakt und warum Leere sich oft verstärkt
Mea: Ein sehr wichtiger Punkt ist: Menschen ziehen sich bei innerer Leere in den meisten Fällen zurück. Das ist verständlich, weil Energie für die Kontaktaufnahme fehlt. Gleichzeitig verstärkt dieser Rückzug das Gefühl der Leere noch mehr.
Sylvia: Genau. Und hier liegt ein zentraler Aspekt: Wir bekommen Energie auch über unsere Beziehungen. Durch den Blickkontakt, über Gespräche und durch gemeinsames Erleben. Wenn dieser Kontakt fehlt, fehlt auch ein wichtiger Teil, der für das lebendige Ich-Erleben zuständig ist.
Wie wir im Coaching arbeiten
Mea: Mit all den Auswirkungen, die das Gefühl der inneren Leere mit sich bringt, haben wir uns intensiv beschäftigt und daraus eine wirksame Coachingstrategie erarbeitet. Im Coaching geht es nicht darum, ein unangenehmes Gefühl „wegzumachen“, was manche Klienten*innen sich wünschen, sondern sich zuerst über die innere Leere bewusst zu werden und diesen gegenwärtigen Zustand anzunehmen – ohne ihn negativ zu bewerten.
Sylvia: Der erste Schritt ist fast immer: wieder den Kontakt herzustellen. Zum Körper, zum Atem, zu inneren Empfindungen. Viele Menschen sind überrascht, dass schon diese einfache Wahrnehmung etwas verändert.
Mea: „Im NLP nutzen wir viele Methoden, um innere Stärken zu aktivieren und hilfreiche Reaktionen zu verankern – besonders dann, wenn Menschen Verhaltensweisen entwickelt haben, um unangenehme Gefühle zu vermeiden.“
Sylvia: Wichtig ist dabei auch ein klarer Rahmen: Im Coaching arbeiten wir mit Menschen, die sich mehr Orientierung, Verbindung und Lebendigkeit wünschen. Coaching ersetzt dabei keine Psychotherapie. Bei starken psychischen Belastungen oder diagnostizierten Depressionen braucht es häufig zusätzlich eine psychotherapeutische Begleitung
Was sich verändert, wenn wieder Kontakt entsteht
Mea: Wenn Menschen nach und nach wieder in Kontakt kommen, beginnt etwas Entscheidendes: Sie fangen an wieder unterschiedliche Emotionen zu fühlen, Freude und Ärger, Langeweile und Spannung usw.
Sylvia: Und genau dadurch entsteht wieder Lebendigkeit. Viele beschreiben, dass sie sich plötzlich wieder „da“ fühlen – präsenter, klarer, verbundener.
Oft reicht schon ein kleiner Moment echter Verbindung, um etwas im inneren System zu verändern.
Innere Leere als Signal – nicht als Zustand
Mea: Wenn wir es zusammenfassen: Innere Leere ist selten ein Defizit, sondern eher ein Signal.
Sylvia: Und vielleicht auch eine Einladung, wieder in Verbindung zu gehen – mit sich selbst, mit anderen und mit dem Leben.
Mea: Raus aus der Leere – rein in die Lebendigkeit.
Sylvia: Genau dort beginnt der Weg, den wir im Coaching begleiten.
